… oder was hält Anwender von Linux ab.
Von Jahr zu Jahr wird darüber gemuckelt, ob dies das Jahr des Linux-Desktops ist. Aus guten Gründen, denn Linux macht an der Treiberfront große Fortschritte und die Benutzerfreundlichkeit und Funktionalität steigt mit jedem neuem Release von Gnome, KDE usw. Die Qualität und Auswahl an Standard-Software bräuchte sich vor der kostenplichtigen Konkurrenz (wie man sie bei Windows kennt) nicht zu fürchten. Im Gegenteil.
In Zeiten, in denen Microsoft mit Windows Vista enttäuscht, sollte man doch meinen, dass solch ein Linux jetzt stark auftrumpft. Linux ist auch in der öffentlichen Presse stark vertreten, dennoch wechselt doch kaum jemand.
Die Frage nach den Gründen, ist deshalb angebracht. Dazu sollte man sich mögliche Anwendergruppen angucken, als da wären:
* die Internet-Surfer und Textschreiber. Sie nutzen das Web, Email, IM, speichern und bearbeiten Urlaubsfotos, hören Musik und sehen Filme.
* die Spieler. Zusätzlich zu den obigen Tätigkeiten spielen noch am PC.
* die professionellen Anwender. Sie arbeiten am PC und setzen dafür Spezialsoftware wie Matlab oder Photoshop ein.
* die Power-User. Sie interessieren sich für PCs, sowohl hardware- als auch softwareseitig. Sie machen alles mit ihren PC, weshalb ihr Anwendungsprofil sich aus den bisherigen Profilen zusammensetzt. Und Linux reizt, weil sie neue Sachen ausprobieren können.
Leider hat jede Gruppe so ihren eigenen Probleme, die sich von einem Wechsel abhalten:
* Für die Internet-Surfer etc. ist Linux nahezu perfekt aufgestellt, da man hier nur Standard-Software braucht, mit gerade der Linux punktet (s.o.). Leider fehlt hier aber der übliche Support, bekannt als die Nachbarschaftshilfe. Kaum ein Freund, Familienmitglied, Nachbar nutzt selber Linux, weshalb sie auch nicht helfen können. Und selbst wenn, wäre es nicht unbedingt einfach (siehe hier). Es gibt Support, eben den guten und kostenlosen Support in Internet-Foren und Chats, aber dafür braucht man die nötige Kompetenz.
* Bei Spielern punktet ganz klar Windows, da die allermeisten Spiele für DirectX entwickelt werden, was Linux nur über Wine beherrscht. Native Spiele für OpenGL sind rar gesäht. Und die Anpassung von Wine an ein Windows-Spiel ist nicht trivial, abgesehen davon, dass Spiele nicht funktionieren, weil die Wine’s Nachbildung von Windows noch nicht so weit ist.
* Die professionellen Anwender sind auf ihre Spezail-Anwendungen angewiesen. Das mag Adobe Acrobat sein, um PDFs zu erstellen, Adobe Flash für die Flash-Produktion oder einfach Microsoft Office, weil dafür die 1001 VBA-Skipte geschrieben worden sind. Das diese Software Geld kostet, ist kein Problem, da die höhere Produktivität oder die Verfügbarkeit eines einmaliges Features mehr einbringt als die Software kostet.
Und viele dieser Softwareprodukte gibt es nicht für Linux. Es gibt Alternativen, die aber häufig nicht an den Funktionsumfang dieser Softwaregrößen heranreichen. So tritt Linux gegen Photoshop mit Gimp und Krita an, aber für viele Profis ist deren Funktionsumfang nicht ausreichend. MS Office kann man mittels Wine unter Linux zum Laufen bringen, aber das Risiko aufgrund von fehlenden Support wird kaum ein Unternehmen eingehen.
Bisher hat das geringe Interesse an Linux, die Hersteller davon abgehalten, ihre Software auf Linux zu portieren. Auch die fehlende Infrastruktur (z.B. Anbindung an den Paketmanager) erhöhte den Aufwand.
* Schlussendlich die Power-User. Es sind in der Regel sie, die am Ehesten zu Linux wechseln, da sie nicht mit allen Problemen der anderen Anwender zu kämpfen haben. Das Support-Problem der einfachen Internet-Surfer etc. haben sie nicht, weil sie den Umgang mit Internet-Foren kennen, ja sogar diese Art des Supports meistens bevorzugen. Auch können sie Spiele unter Wine zum Laufen bringen. Nur – ebenso wie die professionellen Anwender – leiden sie unter dem Nichtvorhandensein von Spezial-Software.
Fazit: nur einer dünnen Anwenderschicht – nämlich einem Teil der Power-User – ist es im Moment möglich, voll auf mit Linux zufrieden zu sein.
Aber der Weg zur Lösung der Probleme ist auch klar. Linux braucht mehr professionelle Software. Nämlich mit mehr Software, werden mehr Firmen und mehr Power-User zu Linux wechseln. Dies erhöht das Interesse an Linux, was zu mehr Software führt und mit den Power-Usern wird auch das Support-Problem der einfachen Anwender gelöst.
Und die Zeiten für den Absatz kostenpflichtiger, professioneller Software für Linux standen nie besser. Das Interesse ist da, plattformunabhängige Toolskits wie QT erleichtern die Programmierung und vor allem: man hat keine Konkurrenz.
Natürlich ist es auch gut, wenn es mehr professionelle OpenSource Software gibt, sogar besser. Aber ist nicht so einfach, wie es sich anhört, da man viele erfahrene Entwicklung braucht, um selbst so fortgeschrittene Software wie Gimp zu erstellen.
Auch Linux muss noch seinen Teil tun, um diese Entwicklung fördern. Z.B. muss man noch eine einheitliche API für die Paketmanager bereitstellen und implementieren (siehe hier), damit für die Hersteller der Aufwand für die einzelnen distributionsabhängigen Pakete enfällt und der Anwender von den Vorzüge der Paketmanager profitieren kann. Die ist zwar schon geplant, aber von einer Umsetzung ist weit und breit nichts zu sehen.